KAUTA im Lido Berlin (23.01.2026): Ein Abend wie ein offenes Tagebuch
Manchmal geht man ohne große Erwartungen auf ein Konzert – und verlässt den Raum mit dem Gefühl, gerade Zeuge von etwas Besonderem geworden zu sein. So ging es mir am 23. Januar 2026 im ausverkauften Lido in Berlin, als KAUTA auf ihrer ersten eigenen Tour Station machte. „Kautas Tagebuch“ heißt diese Reise durch ihr Innerstes, und selten hat ein Tourtitel so gut gepasst wie an diesem Abend.
Schon vor Beginn liegt eine spürbare Spannung im Raum. Das Publikum ist bunt gemischt: junge Fans, die jedes TikTok-Video mitsprechen können, Musiknerds, die neugierig sind, ob der Hype trägt, und Menschen, die offensichtlich wegen der Texte gekommen sind. Als das Licht ausgeht, wird es schlagartig still – dieser besondere Moment kurz vor dem ersten Ton, wenn alle dasselbe erwarten, aber noch niemand weiß, was genau passieren wird.
KAUTA betritt die Bühne ohne großes Brimborium. Kein überladenes Intro, keine Distanz. Stattdessen ein ehrliches Lächeln, ein kurzer Blick ins Publikum – und dann geht es los. Musikalisch bewegt sie sich live mühelos zwischen Urban Pop, modernen Beats und orientalischen Melodien, die nicht als Gimmick funktionieren, sondern als Herzstück ihres Sounds. Was auf Streamingplattformen schon funktioniert, bekommt hier eine neue Tiefe.
Besonders beeindruckend ist, wie selbstverständlich KAUTA mit Sprache umgeht. Deutsch, Französisch, Arabisch – alles fließt ineinander, ohne dass es konstruiert wirkt. Songs wie „Unsichtbar“ treffen live noch härter als aus den Kopfhörern. Man spürt, dass diese Texte nicht geschrieben wurden, um zu gefallen, sondern um etwas loszuwerden. Das Publikum hört zu, singt mit, wird leise, wird laut – je nachdem, was der Moment verlangt.
Zwischen den Songs erzählt KAUTA. Keine langen Monologe, eher kurze Gedanken, kleine Einblicke. Sie spricht über Selbstzweifel, Herkunft, Erwartungen und den Druck, ständig „an“ sein zu müssen. Genau hier wird klar, warum diese Tour „Kautas Tagebuch“ heißt: Es fühlt sich tatsächlich an, als würde jemand Seiten aus dem eigenen Leben vorlesen – roh, ungeschönt, aber nie jammernd. Stattdessen liegt über allem eine empowernde Grundhaltung, die ansteckt.
Spätestens bei „NaNa“, ihrer Kollaboration mit Lune, kippt die Stimmung von nachdenklich zu euphorisch. Das Lido tanzt, die Hooks sitzen, und KAUTA beweist, dass sie nicht nur verletzlich, sondern auch absolut hit-tauglich performen kann. Auch „On/Off“ bekommt live einen neuen Drive – weniger glatt, dafür mit spürbarer Energie und einer Band, die genau weiß, wann sie Raum lassen und wann sie nach vorne gehen muss.
Was diesen Abend besonders macht, ist die Nähe. KAUTA sucht immer wieder den Blickkontakt, reagiert auf Zurufe, lacht, wenn etwas nicht ganz perfekt läuft. Diese kleinen Unsauberkeiten machen das Konzert nicht schwächer, sondern stärker. Es wirkt echt – und genau das ist heute selten geworden. Man hat nicht das Gefühl, einer durchchoreografierten Show beizuwohnen, sondern Teil eines gemeinsamen Moments zu sein.
Gegen Ende wird es noch einmal ruhig. Ein reduziertes Arrangement, Stimme im Fokus, kaum Licht. Gänsehaut-Moment. Hier zeigt sich, wie viel Ausdruck in KAUTAs Gesang liegt. Keine großen Gesten, kein Drama – nur Emotion, die sitzt. Das Publikum hört gebannt zu, einige singen leise mit, andere stehen einfach da und lassen es wirken.
Nach dem letzten Song gibt es langen Applaus, ehrliche Begeisterung und das Gefühl, dass diese erste Tour nur der Anfang ist. KAUTA hat an diesem Abend bewiesen, warum sie zu den spannendsten Stimmen ihrer Generation zählt. Nicht wegen Zahlen, Followern oder Auszeichnungen – sondern weil sie etwas zu sagen hat und einen Weg findet, es auf die Bühne zu bringen.
Das Konzert im Lido war kein lauter Paukenschlag, sondern ein intensiver, nahbarer Abend voller Emotionen, Identifikation und Stärke. „Kautas Tagebuch“ ist live genau das, was es verspricht: ein Gespräch unter Besties – mit Beats, Herz und Haltung. Wer KAUTA bisher nur aus Playlists kannte, hat hier eine Künstlerin erlebt, die live noch so viel mehr ist.
